Der Forscher und Bodenökologe

Inzwischen widmet er sich der Erfüllung eines Versprechens, das er im Sommer 1906 seinem kleinen Sohn gegeben hatte. An einem verschilften Wassergraben in Dinkelsbühl erklärte der Vater dem Buben, was sich für wunderliche, winzige Wesen in dem Wasser da unten tummeln würden. Und der Kleine fragte, auf den Grabenrand zeigend: "Und da in der Erde ... gibts da auch solche Tiere, die man nicht sehen kann ?" (Francé-Harrar, 1962 a). Francé überlegt. Was weiß er von dem mikroskopischen Leben in der Erde ? Weiß man überhaupt etwas davon ? Nein, und man will es auch nicht. Seit Pasteur fürchtet man die Bakterien, die überall sitzen, wo man nur denken kann. Sie machen krank, bedrohen und vergiften alles, man muß sie bekämpfen, Karbol- und Jodoformfabrikanten haben Hochkonjunktur. Man vermutet sie auch im Boden. Was sie dort tun, hat bisher niemanden interessiert, man wühlt nicht dort, wo der Stallmist untergepflügt ist. Zwar hatte schon Ehrenberg (1837) auf die Bedeutung der erdbewohnenden Lebewesen für die Bildung der Dammerde hingewiesen, doch seit Liebigs Veröffentlichungen hielt man die Bodenfruchtbarkeit für eine reine Angelegenheit der Chemie und streute ungeheure Mengen künstlichen Stickstoff, Phosphor und Kali auf die Felder. Wie der fruchtbare, lebensspendende Humus in großen biologischen Kreisläufen entsteht, war aber um die Jahrhundertwende noch ganz unbekannt.

In Francé steigt eine Ahnung auf, und nachdenklich antwortet er seinem Sohn: "Wir werden einmal nachsehen!" Sechs Jahre lang vergräbt er sich in das Studium des Bodenlebens (Francé-Harrar, 1962 a). Anstelle der üblichen bakteriologischen Methode, dem Aufschütteln von Bodenproben in Wasser und Überführen der sich dann entwickelnden Bakterienkolonien in Reinkulturen, wendet Francé eine sehr einfache und ursprüngliche Methode an, nämlich direktes mikroskopisches Durchsuchen der mit Wasser verriebenen Bodenkrümchen. Und er macht eine Entdeckung, die die bakteriologische Methode mehrere Generationen lang geradezu verhindert hat: Er findet eine geschlossene Hierarchie von Kleinwesen - genau wie im Wasser und seinem Sedimentgrund. Niemand zuvor hat auch nur geahnt, daß es dergleichen gibt. Nach dem griechischen Wort edaphos (das im Boden lebende) nennt er die ganze Gesellschaft Edaphon.

Sein Artikel Das Edaphon - eine neue Lebensgemeinschaft. in seiner Vereinszeitschrift Die Kleinwelt 1911 leitet langfristig eine Umwälzung der gesamten Bodenbiologie ein. 1913 stellt er die detaillierten Untersuchungen der Öffentlichkeit vor in Das Edaphon. Ökologische Untersuchungen über bodenbewohnende Mikroorganismen. - Bakterien, Pilze, Blaualgen, Grünalgen, Diatomeen, Flagellaten, Amöben, Ciliaten (Abb. 6), Nematoden, Rädertiere, Tardigradien teilen nicht nur den gemeinsamen Lebensraum und existieren nicht etwa unabhängig voneinander, sondern - und das ist Francés eigentliche Entdeckung - sind alle aufeinander angewiesen. Diese Lebensgemeinschaft ist von grundsätzlicher Bedeutung für die mechanische Durcharbeitung, Selbstreinigung, Verwitterung, Durchlüftung, Humifikation und den Stickstoffhaushalt des Bodens. Durch ihre Aktivität findet auch das Tote wieder zu neuen Formen des Lebens, ohne sie gäbe es keine fruchtbare Erde.

Francé ermittelt die genaue Zusammensetzung gesunder und kranker Böden. Er entwickelt eine Methode, Humus zu produzieren. Praktische Wachstumsversuche, Tests, Methodenverbesserungen und endlose Auseinandersetzungen mit Zweiflern und Widersachern schließen sich an. Heute ist das alles selbstverständlich, aber es war ein Pionier und Kämpfer vom Format eines Francé notwendig, der für rasche Ausbreitung des neuen Wissens sorgte und sich durch Widerstände und Anfeindungen nicht entmutigen ließ.

Sechs Mitarbeiter sind auf diesem Gebiet im Biologischen Institut in München tätig. Zwischen 1912 und 1917 erscheinen bedeutende Arbeiten über das Edaphon aus dem Institut. Auch in anderen Ländern folgen Wissenschaftler dem von Francé vorgezeichneten Weg. Das Biologische Institut der Deutschen Mikrologischen Gesellschaft wird zum Weltzentrum der Bodenökologie. Francés Kosmos-Bändchen Das Leben im Ackerboden (1922) wird ein Bestseller mit einer Auflage von annähernd einer halben Million!

Neben den Edaphonarbeiten wächst der Lehrbetrieb im Institut stetig an. Die Zahl der Praktikanten und ständigen wissenschaftlichen Mitarbeiter beträgt 54 im Jahr 1913. Lehrer und Hochschulstudenten besuchen eifrig die Plankton-Bestimmungsübungen.





zurück

Übersicht


weiter