Nachlese und Nachwirken

Die weithin bekannte und vielgerühmte ideale Ehe der beiden Francés ist nur physisch beendet. Denn das gemeinsame Lebenswerk führt Annie Francé-Harrar nun alleine weiter, muß sich aber deshalb auf ein einziges Gebiet konzentrieren: Edaphon und Humus. In Artikeln und Vorträgen versucht sie nach dem Weltkrieg, verständlich zu machen, daß man keine neuen Kulturwelten aufbauen kann, ohne jenes bedrohte Fundament des Lebens zuerst zu erneuern und abzustützen. In ihrem großartigen Werk Die letzte Chance für eine Zukunft ohne Not (1950) und in Vorträgen zeigt sie Wege auf, mit denen der fortschreitenden Zerstörung des fruchtbaren Bodens Einhalt geboten werden kann. Ihre Vorschläge haben inzwischen manche Beachtung gefunden. Aber es mußten erst viele Jahre vergehen, denn unmittelbar nach dem Krieg hat man andere Sorgen und kein Geld. Sie wird schließlich nach Mexiko berufen als Beraterin mit Ministerrang im Kampf gegen die Bodenerosion. Ihr Buch Humus, Bodenleben und Fruchtbarkeit (1957), in dem sie ihre Mexiko-Erfahrungen auswertet, enthält zum Teil völlig neue Gesichtspunkte für erfolgreiche Bodenverbesserung, Bodenschutz und Fruchtbarmachung steriler Böden, Strukturverbesserung und Erneuerung der Landwirtschaft nach den Lebensgesetzen des Bodens.

Länger als ein halbes Jahrhundert hat R. H. Francé Wissenschaft in Wissen verwandelt, Wissensinhalte geordnet, verknüpft, anwendbar gemacht, aber auch die Grenzen aufgezeigt, die ihrer Anwendung gesetzt sind. Er schuf den Gedanken der Harmonie als Weltgesetz neu und lehrte, wie man durch Harmonie besser existieren und wie sie als Leitbild für das Alltagsleben gelten könne. Alle seine Schriften aus über 30 Schaffensjahren verkünden trotz der Unterschiedlichkeit der Themen seine zentrale Botschaft: Gesetzmäßigkeit, Ausgleich, Einordnung: Das ist richtiges Leben. "Man wird zugeben, daß Unermüdlichkeit in diesen Bestrebungen steckt" (1929). Wir geben es zu.

Seine Werke wurden in 22 Sprachen übersetzt, die Gesamtauflage allein in deutscher Sprache überstieg bei weitem drei Millionen. Eine seiner ständigen Besorgnisse war, wie und in welcher Form die Grundgedanken seiner Lebenslehre den späteren Generationen nahegebracht werden sollten, um aus seiner zeitgebundenen Sprache heraus mit dennoch treffendem Ausdruck die jungen Menschen am Ende dieses Jahrhunderts erreichen zu können (Francé-Harrar, 1962 b).

Nicht nur Schüler und Studenten lasen seine Werke mit Begeisterung, sondern eine Generation von Biologen und Philosophen wurde anhand seiner Werke und Lehren erzogen und ausgebildet. Der große Erfolg beruhte nicht zuletzt auf seiner Fähigkeit, allgemeinverständlich und fesselnd zu schreiben. Das konnte er sich erlauben, denn durch geduldige Kleinarbeit war er fest in der Forschung verankert und verlor nie den festen Boden unter den Füßen. Dennoch blieb ihm öffentliche Anerkennung versagt, denn daß er Wissenschaft allgemeinverständlich in Wissen umsetzte, machte ihn in den Kreisen der Wissenschaft und der Spezialisten durchaus nicht beliebt. Auch schon damals war Spezialistentum der sicherste Weg zu akademischem Erfolg. Francé entschied sich jedoch, diesen geraden und engen Weg zu verlassen. Auch das ist ein Grund, weshalb wir uns an ihn erinnern und ihn ehren sollten.

Was er lehrte, nahm er ernst. Seine Frau bestätigt: "Er ist der harmonische Mensch, den er als Vorbild für seine Lebenslehre fordert, von großer persönlicher Liebenswürdigkeit und Hilfsbereitschaft, einem nie verletzenden überlegenen Humor. Er erzog als glänzender Stilist, berühmter Vortragsredner und Lehrer bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges ein bis zwei Generationen zu denkenden und naturverständigen Menschen. Darüber hinaus war er an allen geistigen Strömungen seiner Zeit ordnend und klärend interessiert, und seine sowohl musikalische als zeichnerische Begabung waren bekannt." (Francé-Harrar, 1962 b)

Insgesamt gesehen fiel seine Periode als Volkserzieher und Mahner in eine eher ungünstige Zeit, in der sich seine Lehren Aufmerksamkeit und Interesse mit mancherlei anderen Bewegungen teilen mußten. So nimmt es nicht wunder, daß sein Ruhm Mitte der dreißiger Jahre langsam verblaßt. Nach dem Weltkrieg ist er schon weitgehend unbekannt.





zurück

Übersicht


weiter