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Der Philosoph und Volksbildner Fünf glückliche, selbstverständlich arbeitsreiche Jahre bleiben die beiden in Dinkelsbühl. Schon in jungen Jahren hatte Francé durch seine Plankton- und Waldstudien viel über Lebensgemeinschaften gelernt, ihre Prinzipien erkannt. Er begründet einen neuen Zweig der Ökologie, nennt ihn Biozönotik. Eine Biozönose in seinem Sinne umfaßt nicht nur die Organismen einer bestimmten Lebensstätte, sondern auch die leblosen, abiotischen Umweltfaktoren, die daran im weitesten Sinne beteiligt sind. Ökosystem nennen wir das heute. Dieser Blickwinkel war zu jener Zeit völlig neu. Er erkennt, daß alle Mitglieder des Ökosystems sich so anpassen, daß stets ein Gleichgewicht herrscht, zu dem alle beitragen. Durch Selbststeuerung bewahrt es seine Geschlossenheit und beeinflußt auch die physikalisch-chemischen Prozesse seiner Umwelt, wirkt so auf Wasser, Erde, Gesteine, Mineralien, also ganz allgemein auf das Weltgeschehen. Der Stoffwechsel des Irdischen bewegt sich in einem ewigen Kreislauf. Organisches und Anorganisches unterscheidet sich darin nicht, Gebirge, Knochen, Sedimente, Diatomeenschalen, Kalkalgen, Brot, Fischgräten, alles sind nur Stationen im selben Kreislauf. Das gilt ebenso für alle Mineralien, Metalle, Gase, alle Flüssigkeiten. Stabile Zustände gibt es auf der Erde nicht, die Umwandlungen dauern nur mehr oder weniger lange, überlagern sich zeitlich vielfach, sind mitunter kompliziert. Humus aber ist die wichtigste Formation in diesem großen Umbau. Francé formuliert die Biozönotik-Gesetze:
1. Die Allverbundenheit, die gegenseitige Abhängigkeit aller Mitglieder einer Biozönose.
Jeder einzelne Teil einer Biozönose trachtet nach seinem Maximum, wird aber darin beschränkt durch das gleiche Streben aller und erreicht so nur sein Optimum. Eine harmonische, ausgeglichene Ordnung sichert in ihrer Zönose ein Optimum von Dauer. Auch der Mensch muß den gleichen Weg gehen. Die Stufen zu seinem Optimum sind die seiner Zivilisation. Die Art der organischen Einordnung in seine Biozönose ist seine Kultur. Ein weltfremder, sektiererischer Naturapostel ist Francé nicht, im Gegenteil. Moderne Technik und Industrie sieht er als Notwendigkeit der menschlichen Kultur. Ganz der modernen Zeit zugewandt zeigt er Wege auf, sie mit den Notwendigkeiten des Ausgleichs und der Harmonie in Einklang zu bringen. Der optimale Mensch nimmt Besitz von der Natur, bedarf der Tiere und Pflanzen, um sich zu erhalten. Er darf sich eine Zivilisation schaffen und sich dazu der Naturgesetze nach seinem besten Können bedienen. Dazu muß er sie aber kennen! Und er darf nicht über das Maß des Ausgleichs hinausgehen. Weder geistig noch materiell. Die ganze objektive Ethik ist kurz: Wenn du die Weltgesetze verletzt, schadest du dir selber, denn sie sind dann nicht für, sondern gegen dich tätig. Man darf die innere und äußere Natur nicht so weit zerstören und vernichten, daß die zulässige Grenze überschritten ist. Der Wille zum Ausgleich muß Denken und Handeln bestimmen. Das Wissen dient dazu, ihn zu finden und zu regeln. Freilich ist diese Kultur, die der harmonische Mensch anstrebt, keineswegs das größte Glück für alle. Im Gegenteil, Harmonie bedingt viel Verzicht und Selbstentäußerung. Dennoch müssen wir sie wollen. Vor dem Willen aber muß die Einsicht stehen, vor der Einsicht das Wissen, vor dem Wissen die Natur- und Kulturerkenntnis, vor dem Lernen die Frage, was ist. Das ist das äußerste Selbsterziehungsprogramm, dem sich der Mensch noch je unterzogen hat, denn sein Ideal ist die Beugung des Willens unter die Einsicht. So kommt das Höchste zustande, was der Mensch leisten kann: Einordnung. Mit sieben Worten ist alles gesagt, was man wissen kann und was man tun soll: "Gesetzmäßigkeit, Ausgleich, Einordnung: Das ist richtiges Leben." Wer nicht weiß, was in Himmel und Erde ist, verbringt ein von Furcht und Ungewißheit erfülltes, eingeengtes Dasein; wer es weiß, für den haben Welt, Leben und Tod keine Schrecken und er wird leichter die richtige Art zu leben finden als jeder andere. Aber das Leben fordert kein Alleswissen, sondern nur Kenntnis der Gesetze. Wir müssen erkennen, wie Natur ist, unter welchen Gesetzen sie steht und wie wir als ihr Teil leben und wirken sollen. Ohne den Bios zu kennen, kann man noch nicht einmal versuchen, richtig zu leben, sondern stolpert von Irrtum zu Irrtum. So werden Ungebildete immer Opfer ihrer fatalen Entscheidungen in Angelegenheiten ihrer Gesundheit oder Partnerschaft sein. Was denn sonst soll Bildung sein als das Wissen um die Gesetze, nach denen man leben soll ? (Francé, 1904) Was Francé will, ist eine fundamental andere Anschauung vom Verhältnis zwischen Mensch und Welt, Umwelt. Er findet, um uns im Verständnis unserer Biozönose, bei der Integration in unsere Umwelt Hilfestellung und Regeln für ein harmonisches Leben des Ausgleichs zu geben, sei ein zusammenfassender philosophischer Überbau nötig. Deshalb verabschiedet er sich von seinen Lesern als Autor rein biologischer Themen. Von nun an will er sich dem Ausbau und dem Lehren einer auf biologischen Gesetzen aufbauenden Philosophie widmen. Das zentrale Werk dieser biozentrischen Philosophie, um das sich wichtige andere gruppieren, ist Bios, die Gesetze der Welt (1921), wohl sein wichtigstes Werk, das die Quintessenz seiner Erkenntnisse und seines Denkens enthält. Daß es in zweiter Auflage 1926 gekürzt in Kröners Taschenausgabe erscheint, unterstreicht die Bedeutung, die man ihm beimißt. Weitere wichtige Werke dieser Jahre, die weite Verbreitung finden, ergänzen es zu einem Zyklus, und münden in eine anschauliche Lebenslehre: Die technischen Leistungen der Pflanzen (1919); Die Pflanze als Erfinder (1920); diese beiden Werke sind Beginn und Grundlage der Biotechnik, heute Bionik. Zoesis - eine Einführung in die Gesetze der Welt; Der Weg der Kultur; Das Gesetz des Lebens; München - die Lebensgesetze einer Stadt (alle 1920). Ewiger Wald (1922), eines seiner wichtigsten Werke; überhaupt hat der Wald als das Musterbeispiel der harmonischen Biozönose in vielen seiner Bücher einen stilistisch unerreichten Darsteller gefunden; Francé war auch der erste, der öffentlich für den heute selbstverständlichen Dauer- und Mischwald eintrat. Plasmatik, die Wissenschaft der Zukunft (1923); Grundriß der vergleichenden Biologie; Die Seele der Pflanze; Telos, die Gesetze des Schaffens (1924). Und wieder gründet er eine Zeitschrift: Telos. Sie erschien bis 1980. Weitere Werke aufzuzählen, müssen wir uns versagen, zu viele sind es. Wie Francé selbst in anderem Zusammenhang schreibt: Man kommt davon nicht leichten Herzens los, sondern begehrt noch mehr. Francé macht süchtig. |
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